Claudia Grabarse          I         Die gravitative Kraft des Sehens

 

 

...da war nur noch ein riesiges Nichts eine sich ausbreitende Ungegenständlichkeit...

...etwas ohne Inhalt...

 

Ich beobachte, wie sich aus diesem Nichts heraus etwas bildet und wie sich dieses Nichts im Spiel

befindet mit dem Materiellen und daß immer noch genug Nichts übrig bleibt, genug Leerheit

gegenüber der sich verdichtenden Materie, gegenüber dem was so selbstverständlich erscheint.

Es erscheint selbstverständlich, daß es da ist, es ist aber gar nicht selbstverständlich.

In einer so vollen Welt erscheint die innewohnende Leerheit den meisten Menschen nicht sichtbar.

An den Rändern ist sie eher wahrnehmbar....zwischen den Tropfen des Regens ist Luft...ab einer

bestimmten Dichte kondensieren sie, verdichten sich zu Wasser. Aber erstmal ist da Raum zwischen

den einzelnen Wassertropfen, zwischen den einzelnen Gräsern, ein Zwischenraum zwischen den

Gedanken und da ist diese große unergründliche Leerheit.

 

Wenn man Zustände des Gasförmigen beobachtet, verhalten sie sich anders als materielle

Verdichtungen: Luftwirbel und Nebel sind näher am fluiden dran, noch nicht so verklumpt.

 

In der Zeichnung tritt die Verdichtung durch die Pinselspuren, das Tropfen und Kleckern auf.

 

Wie entsteht eine gewisse Dichte?

Die Arbeiten haben zwei Ebenen: auf der einen Seite ist da der Zufall, das was sich einfach aus

dem Strom der Linie ergibt, organischen Zufallsformen, die Naturähnlichkeit aufweisen in ihrer

Ansammlungform: Anhäufungen von Punkten,  Anhäufungen von Strichlagen und dann kommt die

Beobachtung dazu, die Komposition: Genauigkeit gegenüber der Wahrnehmung der Form.

Wieviel von dem, was sich durch den Zufall bildet, habe ich wahrgenommen?

Es ist sehr schwer sowohl die Formbildung zuzulassen und sowenig wie möglich einzugreifen,

als auch zu beobachten was ständig stattfindet: ein Wachsen, ein Sichbilden in ein Nichts hinein.

Es ist wie ein Lauschen ins Werden. Wie verhalten sich die verschiedenen Kristallisationsprozesse?

Ab wann bildet sich aus losen unzusammenhängenden Punkten ein Objekt und ab wann ist ein

Objekt abgegrenzt?

Es ist alles schon da und trotzdem ist es nicht einfach das wahrzunehmen. Es gibt Versperrtes,

das Fließende, das Löchrige, das Losgelöste...über Wässrigem bilden sich gasförmige Elemente,

die wiederum soetwas wie Schwaden entstehen lassen, Eigenständigkeiten, die sich verdichten.

Gehören sie dem materiellen Bereich an? Sind es Lichter oder Staubteilchen? Man kann den Prozeß

als Betrachter beobachten.

 

Als erstes sind da nur ein paar Flecken und durch die Aufmerksamkeit dem Geschehen gegenüber

werden die Flecken und die Räume dazwischen immer deutlicher und kostbarer wahrnehmbar.

Es bilden sich Wirklichkeiten, die nicht wirklich existieren und sie bilden sich immer wieder neu und

anders, wenn man anders liest. Zwischenreiche zwischen Form und Nichts.

 

Da ist ein Strömen aus dem Nichts heraus und es bildet sich in einer völligen Fremdartigkeit. Diese

Fremdartigkeit liegt nicht darin, daß es sich in einer bestimmten Form bildet, sondern darin, daß es

sich überhaupt bildet und das da jetzt etwas da ist, das von nun an die Bildfläche bestimmt.

 

An einem bestimmten Punkt des Fortschreitens der Anhäufung bilden sich Konglomerate aus

nebeneinander stehenden Formen, die relativ plötzlich assoziativ wirken, aber gleichzeitig sind sie

immer noch als reiner Fleck wahrnehmbar und schwebend über einer Leerheit.

 

Ich erlebe diese Vorgänge auch direkt. Die Formen, die sich bilden ähneln manchmal den Abbildungen

von Teilchenspaltung oder Entstehung. Für die meisten ist es selbstverständlich, daß etwas da ist...

wir leben ja in einer sehr bildübervölkerten Welt...aber aus der Stille heraus wird es viel

wahrnehmbarer wie seltsam es ist, daß es entsteht. Es ist eine erhöhte Aufmerksamkeit dem

Keimen gegenüber, dem Sichbilden und wieder einsinken in einen an sich stillen Grund.

 

Es sind Vorgänge, die durch Zufall entstehen. Wie ein Wissenschaftler im Laboratorium beobachte ich

das was entsteht. Energiegeladene Pinselstriche enthalten etwas von der Erregung des malens und

es kommt schnell dazu, daß das ganze Blatt gefüllt ist mit Strukturen. Hat das Nichts, der leere Raum

auch noch Platz?

Flecken erscheinen oft wie Abbilder einer Explosion, eines Aufpralls. Sie wirken zwar materiell, aber

als Materie in einer Umwandlungsform: das einst ganze, kugelhafte(?) zerschellt in viele Teile, die sich

in einem neuen Muster anordnen. Was ist ein Fleck? Ein Zentrum mit vielen Spritzern drumherum?

 

Auch umgekehrt ist es eigenartig. Ab einer bestimmten Häufung von Punkten bilden sich Wolken,

zusammengehörige Massen, die das Bewußtsein als etwas wahrnimmt, das zueinander gehört.

Es gibt einen kritischen Punkt, eine kritische Masse, ab dem viele Punkte und Flecken vom

Beobachter als ein Objekt zusammengefaßt werden.

 

Und jetzt folgt die zweite Eigenartigkeit: dieses Objekt wird sofort in eine Assoziationskette mit

bekannten Formulierungen von bekannten Objekten gestellt: das sieht ja aus wie ein Gesicht...

 

Die dritte Eigenartigkeit besteht darin, daß ein einmal gefundener Wiedererkennungseffekt vom

Bewußtsein nicht wieder aufgegeben wird. Dieses Blatt ist dann im Bewußtsein des Betrachters

mit etwas aufgeladen worden, was er wiedererkannt hat.

Der Fleck könnte erst wieder in seiner reinen assoziationslosen Form wahrgenommen werden,

wenn das Blatt umgedreht wird und dann geht das Suchen nach Assoziationen sofort wieder los.

 

Viele Maler kombinieren heute abstrakte Formulierungen mit illusionistischen, oder machen das

illusionistische Element deutlicher sichtbar, so daß das Abbildhafte einer Darstellung stärker

betont wird, beispielsweise: das ist nicht das Brandenburger Tor, sondern ein informell

formuliertes Abbild nach Modell.

 

Wenn ich nun den umgekehrten Weg gehe und der Anziehungskraft der Objekthaftigkeit

auszuweichen versuche, beobachte ich, wie das Bewußtsein bei sich durchdringenden

Materieschwaden immer wieder neue Kombinationen von Bedeutungsbesetzungen hervorruft:

man kann es so sehen oder so oder so.

Die Seltsamkeit der immer noch vorhandenen Zwischenräume öffnet wieder und wieder neue

Dimensionen: Flecken sind sichselbstähnlich und ohne Vergleich weiß das suchende Bewußtsein

nicht: Bilden sie etwas naturähnliches ab? Bilden sie etwas ab, das sehr groß oder sehr klein

ist?


Es entstehen oft Assoziatationen mit landschaftlichem, obwohl keine Bäume, keine Sträucher

oder Horizonte zu erkennen sind. Hat sich das Auge erstmal festgelesen, hat der Geist erst mal

etwas erkannt, gibt er diese Interpretation nicht mehr so schnell wieder her. Der Geist sucht sich

seinen Horizont.

 

Es ist merkwürdig, daß es für das Bewußtsein viel einfacher und selbstverständlicher ist, Objekte

wahrzunehmen, als Zwischenräume, Räume, die um etwas herum sind oder den leeren Raum

an sich.

 

Die Anziehungskraft eines konkreten Objektes auf den Geist hat fast etwas gravitatives.

 

Um einen Zwischenraum zu erfahren, fokussiert sich das Bewußtsein ersteinmal auf den Rand,

so wie ein leeres Glas ein Nichts mit Rand ist.

 

Wenn ein Beobachter aber in der Leerheit verweilt und nicht davon weggeht, wenn das Bewußtsein

einen Zustand annimmt, der keine konkrete Form ergreift, sondern sich wie schwebend zwischen

nichts und etwas bewegt, unfokussiert, beginnt ein Prozeß des Sichbildens im Innern.

 

Das Gegenteil von rauf mit dem Strich aufs Blatt und Füllen. Es ist so, als ob die Leerheit alles was

entsteht, abfrißt wie Rost. Immer wieder tauchen neben Strichen Leerheiten auf, die bestimmender

sind als das Materielle. Die Entscheidung ist ähnlich wie die, durch die leeren Äste eines Baumes zu

schauen. Das Bewußtsein kann sich fokussieren auf Gesamtheiten, Gesamtformen, die es als ähnlich

einordnet und auf Einzelformen. Es kann sich aber auch auf die riesigen unergründlichen Leerheiten

zwischen den Ästen fokussieren.

Und wenn das Bewußtsein nun in der Leerheit verweilt und von dort aus wahrnimmt, wird der Raum

immer größer, unergründlicher, jenseits von Kultur oder Natur.

 

Es ist ein reiner Bewußtseinsvorgang, ein geistiger Vorgang, der ersteinmal nichts zu tun hat mit

einer Ansammlung von Flecken, Punkten und Strichen.

 

Ein so einfaches Beispiel: ein paar Punkte, Striche und schon wird ein modellhaftes

Wirklichkeitsdenken aktiv. Verwunderlich ist: sobald ich eine konkret faßbare Bedeutung in eine

Struktur lege, ordnen sich alle anderen Strukturen wie von einem Magnet angezogen darin ein.

 

Normalerweise sind wir daran gewöhnt, Strukturen einer gewissen Formulierungsbandbreite

einer Wahrnehmungsebene zuzuordnen: Arme oder Beine auf einem Bild gehören zur normalen

Alltagswahrnehmung, mikroskopische Srukturen in einen anderen Bereich und Aufnahmen

aus dem Welltall wieder in eine andere Dimension.

 

Was ist nun mit Flecken und Punkten, Wolken und Nebeln: in welche Dimension gehören sie?

 

Die Frage ist, was existiert, was existiert nicht und ab wann faßt es sich zusammen zu etwas,

was wirklich wirkt, diese seltsame Schwelle...